4 Tage Berlin - 4 Tage Abenteuer 1/3

Dienstag, 13. August 2013 | |

Nervös schaute ich nochmal auf mein schlecht ausgedrucktes Online-Ticket. Ein Wunder, dass der QR-Code noch vollständig ausgedruckt wurde. Mein Zug würde um genau 11:13 Uhr vom Gleis 9 fahren. Also noch genügend Zeit um meinen Futtervorrat aufzufüllen und gemächlich zum Gleis zu schlendern. Mit meiner Mama im Schlepptau drängte ich mich durch die ätzende Menschenmenge zum Ditsch. Nun war ich zwei Brezel mit Schnittlauch und eine Capri-Sonne Kirsche reicher.  Zufrieden stand ich am Gleis 9 bis diese unverständliche Ansage den halben Bahnhof und damit auch den gesamte Gleis zu einem Flash Mob des Seufzens brachte. „Sehr geehrte Damen und Herren, der ICE 392 nach Berlin Hbf ist ausgebucht. Bitte fahren sie mit der nächstgelegenen Alternative. Ladies and Gentlemans…“

„Wollen die mich verarschen? Ich muss um vier Uhr in Berlin sein und jetzt sagen die mir ich soll mit einer ‚Alternative‘ fahren?“ hörte ich die Frau die drei Schritte neben mir stand fluchen. Ich hätte die Frau echt umarmen können, so sehr hatte sie mir aus der Seele gesprochen. „Ich setze mich wahrscheinlich in den Essenswaggon. Wenn man Glück hat ist dort immer ein Plätzchen frei.“ meinte ich so nebenbei. „Sie fahren wohl öfters mit der Bahn?“ fragte sie mich. „Früher ja aber jetzt ist es sogar sehr selten. Aber die Deutsche Bahn hat anscheinend immer noch nicht aus ihren Fehlern gelernt.“ Früher bin ich echt viel Bahn gefahren vor allem die Strecke von Frankfurt/Main bis nach Essen. Und meist auch immer mit dem IC der fünf Stunden durch die Berge und Landschaften tuckerte wobei der ICE nur zwei braucht. Wer diese Strecke schon einmal gefahren ist und das Leben so tiefsinnig betrachtet wie ich, weiß was ich meine. Meine Mutter schaute mich leicht entgeistert an. „Sese, rede nicht so!“ Meine Mutter.

Nicht, dass sie total uncool wäre wie manche Mütter, ich meine sie kann wirklich fluchen wenn sie mag. Dann auch nur wenn sie sauer auf mich und meine Schwestern ist und zum Kuchen noch ein Sahnehäubchen draufsetzt und unsere Namen durch das Haus brüllt. Und danke Gott, dass ich keinen peinlichen Namen bekommen habe wie zum Beispiel die Namen der Wollny-Familie. Die Namen sind nicht wirklich peinlich aber dennoch etwas fragwürdig unteranderem haben diese Namen haben mittlerweile Kultstatus erreicht wodurch es sehr schwierig ist sich mit solchen berühmten Namen einen eigenen machen zu können. Und es wäre doch schon etwas unangenehm mit einem Reality-Star verglichen zu werden.

Zurück zum Bahnhof.

Nachdem ich meiner Mama einen dicken Schmatzer aufgedrückt hatte und in den Zug gestiegen war und ich mich zum einzig freien Platz gehetzt hatte der im Essenswaggon noch frei und der ovale Tisch mit Blut verschmiert war, saß ich nun total aufgeregt und nervös in der Bahn und unterhielt mich mit der Frau neben mir und wir spekulierten gemeinsam, wie das Blut dort gelandet war wo es sich jetzt langsam und mit ruckelnden Bewegungen schön auf dem kleinen Tisch verteilte.

„Vielleicht hat sich jemand die Hand geschnitten und ist zum Klo gerannt?“ meinte die Frau und kratze sich an ihrem Kinn. „Mit Papier oder einem Messer?“ – „Ich glaub jedenfalls nicht, dass man sich mit Papier so heftig schneiden und so eine Menge Blut verlieren kann.“ – „Vielleicht hat sie oder er Nasenbluten gekriegt und musste sich irgendwo abstützen weil der Zug ihn sonst an das andere Ende katapultiert hätte?!“. Bei dem bildlichen Gedanken daran brach die ältere Dame in schallendes Gelächter aus. Hm…wenigstens war das Eis jetzt gebrochen.

Ich unterhielt mich eine Weile mit ihr, steckte mir ab und an ein Stückchen meiner Brezel in den Mund um nicht von den DB Mitarbeitern entdeckt zu werden, und las mein Buch was ich für knapp 10 € am Hbf ergattert hatte. Und nebenbei bemerkt, Sebastian Fitzeks Psychothriller sind sooo gut! Am Anfang denkt man sich: „Ach Gott der arme leidet nur an schwerwiegenden Depressionen und Wahnvorstellungen. Der sollte mal einen Psychiater aufsuchen“ und dann BÄÄMS. Stellt sich heraus, dass der Psychiater Schuld an diesen Albträumen ist und der Kerl für ein Forschungsprojekt ausgenutzt wurde und dadurch seine geliebte Frau von einem BDMS besessenem Lieferanten umgebracht wurde mit einem Kuli in einem Geheimversteck wo sich der Eingang hinter dem Kleiderschrank verbirgt. Klingt krank oder?

Nach fünf Stunden kam dann endlich die erlösende Durchsage. „Sehr geehrte Damen und Herren, in Kürze erreichen wir unsere Endstation Berlin Hauptbahnhof. Ladies in Gentlemans in a fju minäts we will arraif at Bärlin Hauptbahnhof.”

Ich tat mal so als wäre ich nicht zum ersten Mal in Berlin. Was mir höchstwahrscheinlich nicht sehr gut gelungen war weil ich mich nach der zweiten Rolltreppe zweimal um 360° Grad gedreht hatte um mich zu Orientieren. Keine Ahnung wohin ich musste um zum Alexander Platz zu gelangen. Ich folgte einfach mal der Menge nach bis sie sich irgendwann in zwei Richtungen aufteilte.

Shit.

Du, ganz allein in der Hauptstadt. Ganz spontan mit keinem besonderen Ziel. Was war bloß in dich gefahren? Zum Glück hat man heutzutage Smartphones um sich aus den täglichen Sackgassen des Lebens befreien zu können. Ich hatte mir vor meiner Fahrt eine S+U (S- und U-Bahn) App(likation) runtergeladen für den Fall der Fälle. Und an diesem Fall war ich angelangt. Nachdem ich dieselbe Rolltreppe vier Mal runter und fünf Mal hoch gewandert war, hatte ich dann doch die S-Bahn Haltestelle gefunden. Und nochmal zur Info, ich wollte den Anschein erwecken mich in dort auszukennen. Haha! Da hätte selbst Ross Antony sich die Hand auf die Stirn geklatscht bei meinem super Orientierungssinn. 

Nach einen imaginären Standing-Ovation dafür, dass ich die Haltestelle doch noch gefunden hattee und nun am Alex stand, war ich nun am nächsten Problem angelangt. Wohin mit mir? Ich musste den Weg zum Hostel finden.


Fernsehturm am Alexanderplatz
Da zückte ich wieder mein Smartphone aus der Tasche und öffnete die Google Maps App. Geradeaus laufen. Kann ja wohl nicht allzu schwer sein…


Mit einem lauten ‚Rums‘ öffnete ich die Zimmer Tür zum Mehrbettzimmer und hatte dabei die beiden Mädchen aufgeweckt die in ihren Betten eingeschlafen waren. Ohje…da war wohl jemand zu lange feiern. Später lernten wir uns dann doch noch kennen. Immerhin hatte ich sie ja, wenn auch ungewollt, aufgeweckt. Sie kamen aus der Schweiz und sprachen bloß ‚Switzer-Duits‘ mit mir aber hatte dennoch wenig Probleme mich mit ihnen zu unterhalten. Das eine Mädchen heißt Allegra und die andere Vanessa. Beide sehr nette Mädchen. Und beide von Natur aus Blond. Sie fragten mich auch ganz nett ob ich sie zu der East Side Gallery begleiten wolle. Ich willigte ein. I mean…why not?

Nachdem wir am Ostbahnhof ausgestiegen sind und die mit Kunst bemalte Mauer entlang gelaufen waren, hatten wir noch einen Abstecher in einen Beach Club gemacht der direkt an der Spree liegt. Der Sage Beach Club. Dieser liegt in der Köpenicker Straße. Der Eintritt hatte uns 5€ gekostet und die Musik war okay. Nicht wirklich zum Tanzen geeignet aber ein Bierchen hatten wir uns genehmigt. Die Tanz-Moves waren sehr sehr simpel. Eigentlich nur die Füße nach links und rechts bewegen. Ich dachte echt die Berliner hätten mehr drauf. Aber es war ja erst 19 Uhr.

Wie es der Zufall so wollte, mussten wir vom Alex bis zum Hostel sprinten. Im Regen. Und Gewitter. Klitsch nass kamen wir am Hostel an. Da wir alle Helle Sachen anhatten an dem Abend, hatte man natürlich dementsprechend viel von unserer Wäsche gesehen. Klar wurde uns hinterher gepfiffen. Es ist ja quasi ein Muss, Mädels hinterher zu pfeifen deren Klamotten sich nass an ihre Körper drücken. Vielleicht sollte daraus ein neuer Trend werden. Den Wet-Look gibt es ja schon. Allerdings nur für die Haare. Was ein sehr fragwürdiger Trend ist, weil wer möchte schon mit, in Gel und Wax gefetteten Haare durch die Gegend rumlaufen? Ich definitiv nicht.

Da saß ich nun. Geduscht, umgezogen und trocken im Flur des 4. Stocks. In Australien. Nicht wirklich in Australien aber jedes der Stockwerke beschreibt einen anderen Kontinent. Warum ich im Flur saß? Weil ich zu doof war um die Steckdose an der Wand hinter dem Hochbett zu finden und es auf dem Flur eine Steckdose gab. Ich zog damit mitleidige Blicke auf mich von anderen Reisenden. Ganz nach dem Motto: „Die Arme… die Mitbewohner haben sie wahrscheinlich rausgeschmissen oder belegen alle 6 Steckdose in diesem Zimmer.“  

Total müde und erledigt lag ich endlich im Bett. Kurz bevor ich einschlief flüstert Allegra etwas, was ich mir schon den Abend gedacht hatte, dass dieser Moment noch kommen würde. „Hey. Hast du Facebook??“ 

Nicht einmal 6 Stunden in Berlin und schon zwei neue ‚Freunde.‘

Maybe this is the Magic of Berlin?
 

East Side Gallery

Sage Beach Club an der Spree

Sage Beach Club / Tanzende Menge
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